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CHEN FAKES TAIJIQUAN IN PEKING |
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Von Nabil Ranné, vollständiger Artikel erschienen im Chen Taijiquan Magazin 2009, Fachmagazin der World Chen Xiaowang Taijiquan Association Germany, erhältlich im Fachhandel und über die WCTAG Entwicklungen und Methoden von Chen Fake
Chen Fake ist neben seinen herausragenden martialischen Fähigkeiten für eine Weiterentwicklung der traditionellen Form bekannt, die heute meist "Neuer Rahmen" (xinjia) genannt wird. Diese zeichnet sich unter anderem durch zusätzliche Formbilder, einer anderen Zählweise und häufig auch durch einen anderen Rhythmus aus. Die bekannten Varianten der Xinjia haben demzufolge 83 Bewegungen in der Yilu (erste Form) verglichen mit 75 Bewegungen in der entsprechenden Laojia, und 71 Bewegungen in der Erlu (zweite Form) verglichen mit 43 Bewegungen der Laojia. Zudem wurden Spiralbewegungen ergänzt, die die Form prinzipiell anspruchsvoller in der Ausführung gemacht haben. Nichtsdestotrotz weist diese Form ganz eindeutig dieselbe Choreografie auf Laojia1, der „alte Rahmen“. Aufgrund dieser Tatsache wird die Neuartigkeit der Xinjia-Form von den Nachkommen dieser Tradition verneint.2
„Man kann nicht wirklich von so etwas wie Laojia oder Xinjia sprechen. Vor 1980 waren diese Bezeichnungen im Dorf Chenjiagou [...] völlig unbekannt. Die Dorfbewohner, die das Taijiquan meines Vaters beobachten konnten, haben sein Tajijquan nie als Xinjia bezeichnet. Es gibt meiner Meinung nach nicht so etwas wie Laojia oder Xinjia, sondern nur ein Jia“ (Chen Yu in Stubenbaum, Cultura Martialis 01/2004). Wie es zu dieser Entwicklung des neuen Rahmens gekommen ist, bleibt spekulativ. Hong Junsheng verweist darauf, dass sich die Form Chen Fakes im Laufe seiner Jahre in Peking (1928 - 1957) änderte. Er selbst lernte von 1930 bis 1944 kontinuierlich bei Chen Fake. Als er noch einmal in den fünfziger Jahren zurückkam, sah er, dass Chen Fake die Form nun anders interpretierte. Dieses ist auch ersichtlich, wenn man die Form Feng Zhiqiangs3 betrachtet. Feng Zhiqiang lernte von 1950 bis 1957 bei Chen Fake und weist deutliche Unterschiede zu Hong Junshengs Form auf. Hong nannte als einen Grund für die Veränderung den Austausch mit anderen Kampfkünstlern, wie z.B. mit dem Xingyiquan-Experten und Qigong-Arzt Hu Yaozhen, zu dem Chen Fake freundschaftlichen Kontakt pflegte. Auch Feng Zhiqiang, der bei beiden zeitgleich lernte, bezeugt eine Zusammenarbeit von Hu Yaozhen und Chen Fake (persönliches Gespräch, 2008). Hinzu kommt wahrscheinlich das hohe persönliche Trainingspensum Chen Fakes und sein relativ hohes Tempo während der Ausführung der Form4, die beide zu einer einzigartigen Ausführungsweise der Formen führten. „Mein Vater und mein Großvater haben keinen neuen Stil oder eine neue Form entwickelt. Sie haben nur viele Detailänderungen an der bereits bestehenden Form vorgenommen [...] Chen Fake und Chen Zhaokui waren beide starke Persönlichkeiten. Das hat sich selbstverständlich prägend auf das Chen Taijiquan ausgewirkt. Es kommt oft vor, dass in einer Familie beispielsweise zwei Brüder, die ausschließlich von ihrem Vater lernen und somit ein und dieselbe Person zum Lehrer haben, trotzdem jeweils einen unterschiedlichen, individuellen Charakter in ihrer Form ausdrücken. Dieser Vorgang ist ganz normal und auch wichtig für den persönlichen Ausdruck“ (Chen Yu in Stubenbaum, Cultura Martialis 01/2004).
Unterstützt wird diese These der schrittweisen Weiterentwicklung auch von der einzig öffentlich zugänglichen Aufnahme Chen Zhaokuis von 1959.5 Hier demonstriert Chen Zhaokui das Formbild „Die Hand verdeckt Arm und Faust“ (chin. 掩手肱拳 – Yǎn Shǒu Gōng Quán). Verglichen mit heutigen Versionen der Xinjia-Variante weist er hier noch weniger spiralförmige und dynamische Bewegungen auf als es heute typisch für die Xinjia wäre. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei Hong Junsheng, der zwar zum Teil neue Bewegungen der Xinjia integriert6, die Form aber sehr ruhig und mit wenig Dynamik ausführt. Betrachtet man die Art, wie Feng Zhiqiang die von Chen Fake tradierten Formen läuft, so zeigt sich hier die Xinjia typische Dynamik der Bewegungen. Ähnliche verhält es sich bei den Formen von Gu Liuxin und Lei Muni7, die zwar beide schon früh in den dreißiger Jahren bei Chen Fake lernten, aber im Gegensatz zu Hong Junsheng auch in Peking blieben und so der langsamen Entwicklung Chen Fakes beiwohnten. Dies alles spricht sicher dafür, dass Chen Fake zum einen während seiner Zeit in Peking die Form veränderte, dass zum anderen aber auch die individuellen Voraussetzungen gegeben sein mussten, um die Form dementsprechend dynamisch und niveauvoll zu interpretieren. Auf diese Weise ist schrittweise die Form entstanden, die heute "Neuer Rahmen" genannt wird und die eine Variante des "Alten Rahmens" darstellt. [Ende des Auszugs] Fußnoten:1 Wobei darauf hingewiesen werden soll, dass einzelne Formbilder auch der heutigen Xiaojia-Variante ähneln, wie z.B. „Kanonenschlag zum Kopf“ (chin. 當頭炮 - Dāngtóupào); dazu vergleiche auch www.chinafrominside.com/ma/taiji/xiaojia.html. Obwohl heutige Vertreter dieses verneinen (persönliches Gespräch mit Chen Ziqiang, Oktober 2008), scheint es, also ob Laojia und Xiaojia Traditionen damals noch nicht so strikt getrennt wurden wie heute, so dass einige wenige Bilder beim Praktizieren quasi „ausgetauscht“ wurden. Die Abstammungslinie des „kleinen Rahmens“ (chin. 小架 – Xiǎojià) von Chen Youben wurde zunächst „neuer Rahmen“ (chin. 新架 – Xīnjià), genannt, um sie von Chen Changxings Entwicklung der Laojia abzugrenzen. Wann diese Unterscheidung stattfand, ist fraglich. Wahrscheinlich wurden individuelle Unterschiede beim Formlaufen erst benannt, nachdem der Chen-Stil außerhalb Chenjiagous bekannt wurde und plötzlich sozusagen von Außen die Notwendigkeit aufkam, zwischen diversen Formen und Abstammungslinien zu unterscheiden. Nachdem Chen Fake im 20. Jahrhundert die „neue“ Xinjia entwickelt hatte, wurde die „alte“ Xinjia in Xiaojia umbenannt (vgl. Ranné, 2008, S.182). 2 Laut Wang Mingqun sagte auch Zhang Qilin, ein Schüler Chen Zhaokuis hierzu: „Meister [Chen] Zhaokui stimmt dieser These eines ‚neuen Rahmens’ nicht zu. Außerdem meinte er äußerst zornig dazu: ‚Die zwei Formen, die ich euch weitergegeben habe, sind die speziell in unserer Familie tradierten Formen.’” (武魂 – Wuhun, Nr. 210, S. 13, Übersetzung Stefan Gätzner). 3Großmeister Feng, geb. 1928, ist einer der bekanntesten Chen-Stil Meister in China und wird der 18. Generation zugerechnet. Er lernte u.a. bei dem Arzt, Qigong-Meister und Xingyi-Experten Hu Yaozhen, der ihn später an Chen Fake verwies. Hu und Chen waren miteinander befreundet und respektierten sich gegenseitig sehr. Später verschmolz Feng diese beiden Lehren Hus und Chens zu seinem Hunyuan Xingyi Chenshi Taijiquan. Wenn hier über die Ausführung seiner Form gesprochen wird, bezieht sich dieses aufgrund des Fokus’ des Artikels lediglich auf seine Chen-Stil Formen, nicht auf sein Hunyuan Taijiquan. 4 Laut Hong Junsheng führte Chen Fake beide Formen in nur etwas mehr als zehn Minuten vor. Erzählungen nach lief Chen Fake 30 Routinen am Tag (s.u.), demnach behielt er ein recht hohes Tempo auch bei seinem eigenen Training bei. 5 vgl. Chen Zhaokui (1928-1981), www.youtube.com/watch?v=WrAczAE66w0 6 Hierbei ist darauf hinzuweisen, dass Hong Junsheng zu der Form, die er von Chen Fake gelernt hatte, selbst einige wenige Bewegungen neu hinzufügte (vgl. Hong Junsheng, Chen Style Taijiquan Practical Method). 7Lei Muni (1911-186) begann 1932, bei Chen Fake zu lernen. Er studierte auch andere Kampfkünste und wurde später Vizepräsident des Pekinger Forschungsinstituts für Chen Taijiquan (chin. 北京陈氏太极拳研究会- Běijīng Chénshì Tàijíquán Yánjiūhuì) und Berater der Pekinger Kampfkunstvereinigung (chin. 北京市武术协会 - Běijīng shì wǔ shù xiéhuì). BibliographieBohn, H. G. (2006a). Chen-Stil in Taiwan – Die lückenlose Überlieferung des Taijiquan. Cultura Martialis, 2(8), 76-85. Ranné, N. (2008). Das moderne Taijiquan entsteht aus klassischen Wurzeln. In J. Silberstorff (Hrsg.), Schiebende Hände: Die kämpferische Seite des Taijiquan (S. 176-184). LOTUS-PRESS. |

















