"Es gibt keine Abkürzungen..." 

Chen Fake

Abb. 1 - Chen Fake, 1887-1957

Chen Fake (chin. 陈发科, 1887-1957) gilt als herausragender Vertreter des Chen-Stil Taijiquan der 17. Generation. Noch heute wird er häufig „die Nummer Eins des Taijiquan“ genannt. Er gilt zudem als Verkörperung des Wude (chin. 武德), der Einheit von Kampfkunst und Tugend.

 

Biographie

Chen Fake wurde 1887 in dem kleinen Ort Chenjiagou in der Provinz Henan als dritter Sohn von Chen Yanxi geboren. Er verstarb 1957. Seine beiden älteren Brüder starben schon vor Chen Fakes Geburt an Epidemien, die in den Wirren des 19. Jahrhunderts in China verbreitet waren. Chen Yanxi war daher schon recht alt, als Chen Fake geboren wurde. Chen Fake selbst hatte später drei Kinder: eine Tochter, Chen Yuxia und zwei Söhne, Chen Zhaoxu und Chen Zhaokui. Über Chen Yuxia, die vor allem für ihre Schwertkunst bekannt war, wird berichtet: „Sie wird leider selten erwähnt, es sollte aber unbedingt allgemein zur Kenntnis genommen werden, dass Chen Fake eben auch eine Tochter hatte. Sie hatte große Fähigkeiten im Taijiquan und verfügte über wirkliches Gongfu2 “ (Chen Yu in Stubenbaum, 2004, S. 12).

 

Chen Fakes Kindheit

Chen Fake

Abb. 2 - Chen Fake in jungen Jahren

Chen Fake erzählte Hong Junsheng einmal beim Training, dass er als spät geborener Nachzügler in seiner Familie außergewöhnlich verwöhnt wurde und viel zu viel aß, so dass er recht dick geworden war und sich oft unter Schmerzen in seinem Bett hin- und her wälzte, weil er zu viel gegessen hatte. Obwohl er wusste, dass ihm das Taijiquan helfen würde, vernachlässigte er das Training und bezeichnete sich selbst als schwächlich und faul. Als er 14 Jahre alt wurde, hatte er sich daher noch keinerlei Gongfu erarbeitet.

Chen Fakes Vater Chen Yanxi war unterdessen bei dem späteren Präsidenten der neuen Republik China, Yuan Shikai3 , um dort dessen Söhnen Unterricht zu geben. Dieses Engagement sollte insgesamt sechs Jahre andauern. Eines Abends saßen einige Dorfbewohner in dem Haus beisammen, in dem Chen Fake mit seiner Familie wohnte, und sprachen über die kämpferische Familientradition. Chen Fake hörte sie dabei auch über sich reden und lauschte, wie sie bedauerten, dass in seiner Generation wohl kein großer Kämpfer aus der Familie hervorgehen würde, die so berühmte Kampfkünstler wie Chen Changxing4 (14. Generation), Chen Gengyun5 (15. Generation) und Chen Yanxi (16. Generation) hervorgebracht hatte.

 

Dieses machte Chen Fake zunächst traurig und deprimierte ihn. Aber kurz darauf beschloss er, mehr zu trainieren als alle anderen und wurde schon alsbald ein Beispiel herausragender Disziplin. Er trainierte ständig zu Zeiten, in denen sich andere ausruhten, z.B. nach dem Essen, aber auch nachts. Geht man davon aus, dass Chen Fakes Taijiquan stark von seinem Vater Chen Yanxi geprägt war, so muss er wohl ab dieser Zeit sehr anstrengend und herausfordernd trainiert haben, denn Chen Yanxi „unterwies den alten Rahmen in einer extrem tiefen Grundstellung, von wo aus extrem weite Öffnungen, aber ebenso starke Verdichtungen erfordert waren“ (Wang Jiaxiang, 2006, S.83; vgl. auch Cultura Martialis 09/2006, S.83). Später betonte Chen Fake immer wieder, dass der persönliche Einsatz und Trainingseifer die ausschlaggebenden Elemente wahren Könnens sind: „Es gibt kein Mogeln beim Erlernen dieser Kunst. Es gibt keine Abkürzungen“ (Hong Junsheng & Chen Zhonghua, 2006, S.133).

 

Chen Fakes spätere Jahre in Chenjiagou

Chen Fake

Abb. 3 - Chen Fake beim Training 

Noch während Chen Fakes Zeit in Chenjiagou6, so erzählte er später seinem Schüler Hong Junsheng, wurde er von der Regierung des Landkreises Wenxian (Provinz Henan) gebeten, die Kreisstadt zu verteidigen. Sein Neffe Chen Zhaopei, der fünf Jahre jünger war als Chen Fake, leitete fortan mit ihm zusammen die Kampfkunstschule in Wenxian. In den zwanziger Jahren gab es viele Unruhen in China, da die Umbrüche nach der Kolonialzeit und den daraus resultierenden Boxeraufständen, dem Zusammenbruch der Qing-Kaiserdynastie und den Machtkämpfen nach der Neugründung der Republik ein politisches Vakuum hinterlassen hatten. Dieses wurde von regional agierenden Warlords ausgefüllt, die gegeneinander um die Vorherrschaft in einzelnen Distrikten kämpften. Öffentliche Sicherheit war daher ein großes Problem geworden. Eine kultische Gruppierung der Zeit war die 'Rote Speer Vereinigung' (chin. 红枪会), die schon einige Kreisstädte bedroht und auch eingenommen hatte. Als sie nun auch die Kreisstadt des Bezirks Wenxian angriff, half Chen Fake bei der Verteidigung und tötete angeblich einen der Anführer der 'Roten Speer Vereinigung'. 1956, also etliche Jahre später, suchten laut Hong Junsheng zwei Beamte Chen Fake in Peking und führten in diesem Fall eine Untersuchung wegen Totschlags durch. Da die 'Rote Speer Vereinigung' aber zu diesem Zeitpunkt als reaktionäre Kraft galt und die damals neue kommunistische Regierung sie verboten hatte, wurde Chen Fake nie weiter belangt (vgl. hierzu Hong Junsheng & Chen Zhonghua, 2006; auch Gaffney & Sim, 2002).

 

Chen Fakes Neffe Chen Zhaopei arbeitete derweil für eine bekannte Apotheke in Peking und reiste 1928 dorthin. Ob er Kräuter lieferte oder als Leibwächter engagiert war, ist umstritten. Aber da Taijiquan schon recht bekannt war und man in Peking wusste, dass Yang Luchan das Taijiquan in Chenjiagou erlernt hatte, wollten viele Menschen von ihm Taijiquan lernen. Er wurde recht schnell bekannt und hatte alsbald eine kleine Gefolgschaft von Schülern. Aber schon nach kurzer Zeit erhielt er eine Einladung aus Nanjing von dem dortigen Bürgermeister Wei Daoming, mit der Bitte, in Nanjing zu unterrichten. Ihm wurde dafür ein sehr hohes Gehalt versprochen. Da seine Schüler in Peking aber noch nicht einmal die Form zu Ende gelernt hatten, wollte er sie nicht ohne Anleitung zurücklassen. Daher sann er auf eine Lösung und schlug vor, dass er Chen Fake einladen könnte, seinen Onkel, der nach Chen Zhaopeis eigenen Worten „sehr viel größere Fertigkeiten“ als er selbst besaß.

 

Chen Fakes kommt nach Peking 

Chen Fake reiste noch 1928 nach Peking. Am Anfang wohnte er bei seinen Schülern Liu Zhicheng und Liu Ziyuan. Er erzählte später: „Ich brachte ihnen Chen Stil Taijiquan Yilu [Erste Form], Erlu [Zweite Form], Breitschwert und Doppel-Breitschwert bei.“ (Hong Junsheng & Chen Zhonghua, S.128). Andere Schüler Chen Fakes aus dieser Zeit waren die ihrerseits ebenfalls hoch angesehenen Kampfkunstexperten Xu Rusheng, Li Jianhua (Professor der Nordost Universität und Bagua-Praktizierender) und Shen Jiazhen (der später das bekannte Buch „Chen Stil Taijiquan“ mit Gu Liuxin veröffentlichte). Hong Junsheng verbreitete später viele Informationen über Chen Fake und lernte von 1930 bis 1944 bei ihm. Feng Zhiqiang lernte von 1950 bis 1957 bei Chen Fake, Gu Liuxin begann etwa Anfang der dreißiger Jahre, bei ihm Unterricht zu nehmen, Lei Muni bereits 1932.

 

Auf die Frage, ob die Bewegungen der Form langsam oder schnell sein sollten, antwortete Chen Fake: „Am Anfang solltest Du langsam sein, damit die Positionen korrekt sind. Aber Übung macht den Meister. Später wirst Du Dich schnell und stabil bewegen können. Bei den Schiebenden Händen richtet sich die Schnelligkeit nach den Wechseln Deines Gegners. Langsamkeit ist eine Lernmethode, aber nicht das Ziel. Aber langsame Bewegungen kräftigen auch die Beine. Das ist ebenfalls nützlich.“ 

 

Es ranken sich einige Geschichten um Chen Fake in Peking. So wurde er wohl häufig herausgefordert, achtete dabei aber sehr darauf, seine jeweiligen Gegner nicht zu verletzen oder bloßzustellen, so dass er schon bald auch bei anderen Kampfkünstlern großen Respekt genoss. Chen Fake bemerkte zu seinen Anwendungen, dass „Kraft und Technik ganzheitlich kombiniert werden müssen. Kraft ist das Fundament und Technik ist die Methode. Wenn ich plötzlich angegriffen werde, muss ich Kraft nutzen, um mich zu verteidigen und so nicht die Balance zu verlieren. Aber wenn das Gongfu tief ist, dann muss die Kraft gar nicht austreten. Die heranstürmende Kraft wird eine automatische Reaktion auslösen und den Angreifer vor- oder zurückfallen lassen in die Leere.“

 

Für Chen Fake war Loyalität das Fundament von Lebensführung. Er sagte, dass „die Säule der Sozialisierung Loyalität ist und wie man mit anderen Menschen umgeht, sollte auf Bescheidenheit und Kooperation basieren. Loyalität fördert Treue; Bescheidenheit ermöglicht Fortschritt und Kooperation freundet Menschen an. Bescheidenheit und Kooperation sollten aber auf Loyalität fußen und nicht auf Heuchelei.” 

Diese Bescheidenheit legte er selbst häufig zutage. Während viele von denen, die Taijiquan übten, behaupteten, dass sie Taijiquan praktizierten, weil dieses eine innere Kampfkunst und damit den äußeren überlegen sei, bezeichnete er sich selbst nie als Meister innerer Kampfkunst, sondern sagte: "Alle Dinge haben ein Innen und ein Außen. Wahre Gelehrsamkeit muss in der äußeren Figur beginnen, viele Jahre daran arbeiten und dann werden die Fähigkeiten schrittweise tiefer. Das Innere dann zu erreichen, das ist das wichtigste. Taijiquan zu lernen ist so, andere Kampfkünste zu lernen ist auch so, alles hat ein Innen und ein Außen. Alles folgt der äußeren Fertigkeit und betritt das Innere dadurch“ (nach Hong Junsheng & Chen Zhonghua, S.142). Chen Fake verstarb 1957 im Alter von 70 Jahren in Peking. 

 

Fußnoten:

1 Laut Wang Mingqun sagte Zhang Qilin, ein Schüler Chen Zhaokuis hierzu: „Meister [Chen] Zhaokui stimmt dieser These eines ‚neuen Rahmens’ nicht zu.” (武魂 – Wuhun, Nr. 210, S. 13, Übersetzung Stefan Gätzner). Auch Chen Yu, Sohn von Chen Zhaokui und Enkel von Chen Fake, vertritt diese These: „Es gibt keinen ‚Alten Rahmen’ und keinen ‚Neuen Rahmen’, es gibt nur einen ‚Gongfu Rahmen’“ (persönliches Gespräch Februar 2007). Andere Quellen scheinen dieses zu bestätigen (Ma Hong, 马虹, www.taijicn.net/viewarticle.php?id=430)

2 Gongfu (chin. 功夫) bezeichnet im Allgemeinen große Fertigkeiten, die man sich durch viel Arbeit angeeignet hat, häufig wird der Begriff kampfbezogen gebraucht

3 Yuan Shikai (chin. 袁世凱) war in der Qing-Dynastie Kommandant der ersten „neuen Armee“. In den Jahren 1899 bis 1902, und wahrscheinlich zu Zeiten Chen Yanxis Engagements, war er Gouverneur von der Provinz Shandong (Nachbarprovinz der Provinz Henan). Ab 1902 wurde er Minister von Beiyang (einem Gebiet, das mehrere Provinzen umfasst) und gründete dort mit seinen Beiyang-Armeen die leistungsfähigste Armee Chinas. 1912 brachte er Puyi, den letzten Kaiser Chinas, zur Abdankung und wurde erster offizieller Präsident der neuen Republik China.

4 Chen Fakes Urgroßvater Chen Changxing (1771 - 1853) war der Lehrer von Yang Luchan (1799 - 1873). Chen Changxings Vater war Chen Bingwang, der auch ein berühmter Taijiquan Kampfkünstler war. Chen Changxing arbeitete als Leibwächter und eskortierte Frachtgut von Henan nach Shandong. Später leitete Chen Changxing eine Kampfkunstschule in Chenjiagou und unterrichtete hauptberuflich.

5 Chen Fakes Großvater Chen Gengyun betrieb Landwirtschaft und verstarb mit 79 Jahren. Er lernte schon als Kind von Chen Changxing und arbeitete ebenfalls als Leibwächter und erhielt militärische Ehren. In Laizhou (Provinz Shandong) wurde ihm u.a. ein Ehrenmal errichtet, weil er dort einen Räuber fasste.

6 Also definitiv vor 1928, wahrscheinlich im Jahr 1926

 

Bibliographie

Bohn, H. G. (2006a). Chen-Stil in Taiwan – Die lückenlose Überlieferung des Taijiquan. Cultura Martialis, 2(8), 76-85.

Chen, Gene (1993-1995). In Remembrance of Gu Liuxin (1908-1990). The best of the Chen-Style Taijiquan Journal. Hamburg: WCTAG.

Gaffney, D. & Sim, D. S. (2002). Chen style taijiquan. Berkeley, Calif: North Atlantic Books.

Hong Junsheng & Chen Zhonghua (2006). Hong Junsheng: Chen Style taijiquan Practical Method - Volume One: Theory. Edmonton:: Hunyuantaiji Press.

Rich, H. (o.J.a). History. Zugriff: 19.12.2007 unter www.chenstyle.com/history/development/index.html

太极北斗-陈发科 (2008). Zugriff: 12.12.2007 unter http://www.cytjw.cn/show.aspx?id=243&cid=22

Stubenbaum, D. (2004). Chen Yu, der Nachfolger von Chen Fake und Chen Zhaokui. Cultura Martialis, 1(1), 10-18.

Wang, Mingqun. (2006). Großer Rahmen des Chen-Taijiquan: „San Huan Zhang - Dreimal die offene Hand wechseln“. Magazin für Chinesische Kampfkunst, o.Jg.(9), S.12-15.

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