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EINE CHEN FAKE BIOGRAPHIE |
"Es gibt keine Abkürzungen..." (Auszug)
Chen Fake (chin. 陈发科 - Chén Fākē, 1887-1957), auch Chen Fusheng genannt, gilt als der herausragende Vertreter des Chen-Stil Taijiquan im 20. Jahrhundert. Noch heute wird der Hauptvertreter der 17. Generation „die Nummer Eins des Taijiquan“ (chin. 太极一人 – Tàijí Yī Rén) genannt. Er gilt zudem als Verkörperung des Wŭdé (chin. 武德), der Einheit von Kampfkunst und Tugend. Seine Bekanntheit lässt sich dabei primär auf drei Errungenschaften zurückführen. Erstens wird seine Kampfkunst gemeinhin als besonders hoch eingeschätzt. Infolgedessen ranken sich auch etliche Geschichten um seine martialischen Fähigkeiten. Zudem geht eine der heutigen Varianten des Chen Taijiquan auf ihn zurück: Xinjia (chin. 新架 – Xīnjià), der „Neue Rahmen“. Auch wenn die Neuentwicklung der Xinjia durchaus von hochrangigen Vertretern dieser Tradition bestritten wird1, gelten deren Besonderheiten im Vergleich zur traditionellen Laojia (chin. 老架 – Lǎojià), der Form des „Alten Rahmens“, zumindest den meisten Praktizierenden als benennenswert. Der dritte Grund für die Hochachtung, die Chen Fake auch heute noch gezollt wird, ist, dass er maßgeblich zur Verbreitung und Bekanntmachung des Chen Taijiquan beigetragen hat, welches vor seinem Erscheinen in Peking noch recht unbekannt war. Unter seinen Schülern waren so herausragende Persönlichkeiten wie Chen Zhaoxu, Chen Zhaokui, Feng Zhiqiang, Gu Liuxin, Hong Junsheng u.v.m., die untenstehend noch Erwähnung finden werden. In dem hier vorliegenden Artikel soll die Person Chen Fake in den entsprechenden historischen Zusammenhängen soweit möglich beleuchtet werden. Zudem sollen die Entwicklungen gekennzeichnet werden, die Chen Fake zu einem der bekanntesten Vertreter des Taijiquan machen. Aufgrund der mündlichen Tradierung der Geschichten um Chen Fake besteht grundsätzlich das Problem, dass die Verlässlichkeit vieler Informationen über seine Person umstritten ist. Hier aber soll versucht werden, keine weiteren Fabeln um Chen Fake zu produzieren, sondern die „echten Begebenheiten“, in denen der „authentische“ Chen Fake zu Vorschein tritt, so herauszuarbeiten, dass daraus jeder Taijiquan-Praktizierende sinnvolle Rückschlüsse für sein eigenes Training ziehen kann. Ein überaus enthusiastischer Schüler soll laut Hong Junsheng einmal Chen Fake erzählt haben, dass Chen Changxing (der Urgroßvater von Chen Fake) dem Hörensagen nach eine so große klebende Kraft (chin. 粘劲 – Niánjìn) entwickeln konnte, dass er seine Hände nur auf einen großen, mit Marmor getäfelten Sandelholztisch pressen musste, um diesen dann mit seiner klebenden Kraft hochzuheben. Chen Fake hörte wohl eine zeitlang uninteressiert zu und entgegnete plötzlich lachend, dass er noch nie gehört habe, dass seine Vorfahren so große Fähigkeiten besessen hätten. Geschichten, die nicht übertreiben, passen wohl besser zu diesem Mann. Daher soll sich seine hier vorliegende Biographie diesem Vorsatz unterordnen.
BiographieChen Fake wurde 1887 in dem kleinen Ort Chenjiagou in der Provinz Henan als dritter Sohn von Chen Yanxi geboren. Er verstarb 1957. Seine beiden älteren Brüder starben schon vor Chen Fakes Geburt an Epidemien, die in den Wirren des 19. Jahrhunderts in China verbreitet waren. Chen Yanxi war daher schon recht alt, als Chen Fake geboren wurde. Chen Fake selbst hatte später drei Kinder: eine Tochter, Chen Yuxia und zwei Söhne, Chen Zhaoxu und Chen Zhaokui. Chen Zhaoxu ist der Vater des heutigen Hauptvertreters Chen Xiaowang, Chen Zhaokui ist einer seiner beiden Hauptlehrer (neben Chen Zhaopei) und Vater von Chen Yu, einem heutigen Vertreter der Xinjia-Tradition. Über Chen Yuxia ist nicht viel bekannt, allerdings wird über sie berichtet: „Sie wird leider von vielen selten erwähnt, es sollte aber unbedingt allgemein zur Kenntnis genommen werden, dass Chen Fake eben auch eine Tochter hatte. Sie hatte große Fähigkeiten im Taijiquan und verfügte über wirkliches Gongfu2 “ (Chen Yu in Stubenbaum, 2004, S. 12).
Chen Fakes Kindheit
Chen Fake erzählte Hong Junsheng einmal beim Training, dass er als spät geborener Nachzügler in seiner Familie außergewöhnlich verwöhnt wurde und viel zu viel aß, so dass er recht dick wurde. Er wälzte sich oft unter Schmerzen in seinem Bett hin- und her, weil er so viel gegessen hatte. Obwohl er wusste, dass ihm das Taijiquan helfen würde, vernachlässigte er das Training und bezeichnete sich selbst als schwächlich und faul. Als er 14 Jahre alt wurde, hatte er sich daher noch keinerlei Gongfu erarbeitet.
Chen Fakes Vater Chen Yanxi war unterdessen bei dem späteren Präsidenten der neuen Republik China, Yuan Shikai3 , um dort dessen Söhnen Unterricht zu geben. Dieses Engagement sollte insgesamt sechs Jahre andauern. Eines Abends saßen einige Dorfbewohner in dem Haus beisammen, in dem Chen Fake mit seiner Familie wohnte, und sprachen über die kämpferische Familientradition. Chen Fake hörte sie dabei auch über sich reden und lauschte, wie sie bedauerten, dass in seiner Generation wohl kein großer Kämpfer aus der Familie hervorgehen würde, die so berühmte Kampfkünstler wie Chen Changxing4 (14. Generation), Chen Gengyun5 (15. Generation) und Chen Yanxi (16. Generation) hervorgebracht hatte.
Dieses machte Chen Fake zunächst traurig und deprimierte ihn. Eines Tages ging er mit seinem Cousin Chen Boqu auf die Felder, um zu arbeiten, da fiel ihnen auf, dass sie Werkzeug vergessen hatten. Chen Boqu war kräftig gebaut und galt im Dorf als bester Taijiquan-Schüler. Chen Boqu sagte zu Chen Fake: „Lauf schnell und hol das Werkzeug, ich werde langsamer gehen.“ Plötzlich dachte Chen Fake, wenn er diesen Satz auf das Boxen bezieht, dann müsste er seinen Cousin ja einholen können, wenn er doch nur doppelt so viel trainieren würde. Von diesem Moment an beschloss er, mehr zu trainieren als alle anderen und wurde alsbald ein Beispiel herausragender Disziplin. Er trainierte ständig zu Zeiten, in denen sich andere ausruhten, z.B. nach dem Essen, aber auch nachts. Da er im gleichen Zimmer schlief wie sein Cousin, trainierte er noch zwei Stunden ganz sanft, um diesen nicht zu wecken. Später lief er bis zu 30 Routinen pro Tag und übte häufig sogar das „Seidenspulen“ (chin. 缠丝劲 – Chánsījìn), während er saß6 . Geht man davon aus, dass Chen Fakes Taijiquan stark von seinem Vater Chen Yanxi geprägt war, so muss er wohl ab dieser Zeit sehr anstrengend und herausfordernd trainiert haben, denn Chen Yanxi „unterwies den alten Rahmen in einer extrem tiefen Grundstellung, von wo aus extrem weite Öffnungen, aber ebenso starke Verdichtungen erfordert waren“ (Wang Jiaxiang, 2006, S.83; vgl. auch Cultura Martialis 09/2006, S.83). Diese Art des frühen Trainings prägte sicher auch Chen Fakes spätere Entwicklungen.
Nach drei Jahren solchen harten Trainings, das dem chinesischen Sprichwort „bitter essen“ (chin. 吃苦 – Chī Kǔ) wohl bestens entspricht, fragte er seinen Cousin, ob dieser mit ihm Tui Shou (chin. 推手 – Tuī Shǒu), die Schiebenden Hände, trainieren wollte. Chen Fake hatte, aus Angst, gegen seinen starken Cousin zu verlieren, stets nur mit anderen Familienmitgliedern trainiert. Chen Boqu versuchte sofort, Chen Fake kräftig wegzustoßen. Er probierte dieses drei Mal und alle drei Male stürzte er selbst zu Boden. Zunächst war er erzürnt und vermutete, dass Chen Fake Tricks oder Geheimnisse benutzt hat, die nur dem inneren Familienkreis zugänglich waren, aber Chen Fake erwiderte darauf, dass sein Vater schon mehrere Jahre fort war und ihn so gar nicht in etwaige Geheimnisse hätte unterweisen können. Wie auch später in seinem Leben betonte er, dass der persönliche Einsatz und Trainingseifer die ausschlaggebenden Elemente wahren Könnens sind: „Es gibt kein Mogeln beim Erlernen dieser Kunst. Es gibt keine Abkürzungen“ (Hong Junsheng & Chen Zhonghua, 2006, S.133).
Chen Fakes spätere Jahre in Chenjiagou
Noch während Chen Fakes Zeit in Chenjiagou7 , so erzählte er später seinem Schüler Hong Junsheng, wurde er von der Regierung des Landkreises Wenxian (Provinz Henan) gebeten, die Kreisstadt zu verteidigen. Sein Neffe Chen Zhaopei, der fünf Jahre jünger war als Chen Fake, leitete fortan mit ihm zusammen die Kampfkunstschule in Wenxian. In den zwanziger Jahren gab es viele Unruhen in China, da die Umbrüche nach der Kolonialzeit und den daraus resultierenden Boxeraufständen, dem Zusammenbruch der Qing-Kaiserdynastie und den Machtkämpfen nach der Neugründung der Republik ein politisches Vakuum hinterlassen hatten. Dadurch füllten lokale Kriegsherren dieses Vakuum aus und kämpften gegeneinander um die Vorherrschaft in einzelnen Regionen. Öffentliche Sicherheit war daher ein großes Problem inmitten dieser Wirren. Eine kultische Gruppierung der Zeit war die Rote Speer Vereinigung (chin. 红枪会 - Hóng Qiāng Huì), die schon einige Kreisstädte bedroht und auch eingenommen hatte.
Als nun Chen Fake berufen wurde, Wenxian zu verteidigen, kam ein anderer Kampfkunstmeister, der bei der Regierung eingestellt war, um sich mit ihm zu messen und so seine eigene Ehre wiederherzustellen. Chen Fake saß gerade am traditionellen Baxian-Tisch und wollte Wasserpfeife rauchen, da kam der Kampfkunstlehrer von draußen herein, schlug mit seiner rechten Faust zu und rief: „Wie nimmst Du das?“ Als die Faust auf Chen Fakes Brust einschlug, übernahm dieser mit seiner rechten Hand die Faust des anderen und wehrte die Hand mit einer leichten Rotation ab. Der Kampfkunstmeister wurde nach draußen auf den Hof katapultiert. Daraufhin packte er wortlos seine Sachen und ging von dannen.
Kurze Zeit später musste die Stadt vor der Roten Speer Vereinigung verteidigt werden. Die Vereinigung praktizierte diverse kultische und magische Rituale in dem Glauben, dass sie dadurch vor Verletzungen gefeit sei8 . Als sie nun die Kreisstadt des Bezirks Wenxian angriff, schloss diese sofort das Stadttor. Nur Chen Fake blieb vor dem Tor auf der Brücke stehen und erwartete die Herausforderung zum Kampf. Er war hierbei lediglich mit seinem eisenbeschlagenen Bailagan (chin. 白蜡杆 – Báilàgǎn) Speer bewaffnet. Einer der Anführer der Roten Speer Vereinigung kam hervor, in dem Glauben, unverletzbar zu sein, und griff Chen Fake mit seinem Speer an. Chen Fake wehrte den Angriff ab und schlug seinem Gegner dessen Speer aus der Hand. Chen Fake nutzte die Gelegenheit, sprang hervor und durchstieß den Leib seines Gegners. Die Gefolgsleute der Roten Speer Vereinigung sahen daraufhin, dass sie nicht unverwundbar waren, und flohen umgehend. Auf diese Weise wurde die Kreisstadt gerettet. 1956, also etliche Jahre später, suchten laut Hong Junsheng zwei Beamte Chen Fake in Peking und führten in diesem Fall eine Untersuchung wegen Totschlags durch. Da die Rote Speer Vereinigung aber zu diesem Zeitpunkt als reaktionäre Kraft galt und die damals neue kommunistische Regierung sie verboten hatte, wurde Chen Fake nie weiter belangt (vgl. hierzu Hong Junsheng & Chen Zhonghua, 2006; auch Gaffney & Sim, 2002). [Ende des Auszugs] Fußnoten:1 Laut Wang Mingqun sagte Zhang Qilin, ein Schüler Chen Zhaokuis hierzu: „Meister [Chen] Zhaokui stimmt dieser These eines ‚neuen Rahmens’ nicht zu.” (武魂 – Wuhun, Nr. 210, S. 13, Übersetzung Stefan Gätzner). Auch Chen Yu, Sohn von Chen Zhaokui und Enkel von Chen Fake, vertritt diese These: „Es gibt keinen ‚Alten Rahmen’ und keinen ‚Neuen Rahmen’, es gibt nur einen ‚Gongfu Rahmen’“ (persönliches Gespräch Februar 2007). Andere Quellen scheinen dieses zu bestätigen (Ma Hong, 马虹, www.taijicn.net/viewarticle.php?id=430) 2 Gongfu (chin. 功夫 – Gōngfu) bezeichnet im Allgemeinen große Fertigkeiten, die man sich durch viel Arbeit angeeignet hat, häufig wird der Begriff kampfbezogen gebraucht 3 Yuan Shikai (chin. 袁世凱 - Yuán Shìkǎi) war in der Qing-Dynastie Kommandant der ersten „neuen Armee“. In den Jahren 1899 bis 1902, und wahrscheinlich zu Zeiten Chen Yanxis Engagements, war er Gouverneur von der Provinz Shandong (Nachbarprovinz der Provinz Henan). Ab 1902 wurde er Minister von Beiyang (einem Gebiet, das mehrere Provinzen umfasst) und gründete dort mit seinen Beiyang-Armeen die leistungsfähigste Armee Chinas. 1912 brachte er Puyi, den letzten Kaiser Chinas, zur Abdankung und wurde erster offizieller Präsident der neuen Republik China. 4 Chen Fakes Urgroßvater Chen Changxing (1771 - 1853) war der Lehrer von Yang Luchan (1799 - 1873). Chen Changxings Vater war Chen Bingwang, der auch ein berühmter Taijiquan Kampfkünstler war. Chen Changxing arbeitete als Leibwächter und eskortierte Frachtgut von Henan nach Shandong. Später leitete Chen Changxing die Kampfkunstschule in Chenjiagou und unterrichtete hauptberuflich. 5 Chen Fakes Großvater Chen Gengyun betrieb Landwirtschaft und lebte bis zum damals hohen alten von 79 Jahren. Er lernte schon als Kind von Chen Changxing und arbeitete ebenfalls als Leibwächter und erhielt militärische Ehren. In Laizhou (Provinz Shandong) wurde ihm u.a. ein Ehrenmal errichtet, weil er dort einen Räuber fasste. 6 Gu Liuxin, ein Meisterschüler von Chen Fake, der in unterschiedlichen Kampfkünsten bewandert war, erzählte laut Hong Junsheng: „Meister Chen [Fake] übte weiterhin 30 Routinen pro Tag während all der Dutzend Jahre, die er in Peking verbrachte.“ Hong Junsheng selbst berichtet davon, dass jedes Mal, wenn Chen Fake umzog, man kurz nach dem Umzug beobachten konnte, wie auf dem Fußboden zerbrochene Ziegel [von seinem Fußstampfen] herumlagen. 8 Dieser Unverwundbarkeitsgedanke und die magischen Rituale lassen darauf schließen, dass die Rote Speer Vereinigung mit den Boxern Ende des 19. Jahrhunderts aus den Boxeraufständen verwandt war, die als chinesische Bewegungen gegen europäischen, nordamerikanischen und japanischen Imperialismus entstanden waren. Bibliographie Bohn, H. G. (2006a). Chen-Stil in Taiwan – Die lückenlose Überlieferung des Taijiquan. Cultura Martialis, 2(8), 76-85.
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Von Nabil Ranné, vollständiger Artikel erschienen im Chen Taijiquan Magazin 2008, Fachmagazin der World Chen Xiaowang Taijiquan Association Germany, erhältlich im Fachhandel und über die WCTAG (ISBN-10: 3935367414 - LOTUS-PRESS)







