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TRAINING BEI CHEN ZHAOKUI |
Die vielschichtige Lehre von Chen ZhaokuiArtikel von Nabil Ranné (2010)Chen Zhaokui (chin. 陈照奎, 1928-1981) ist der herausragende Vertreter der 18. Generation der Chen-Familie und Bindeglied zwischen dem Taijiquan seines Vaters Chen Fake und der heutigen Generation. Er revolutionierte den Unterricht und nutzte moderne Erkenntnisse und Begrifflichkeiten, um das Taijiquan seines Vaters zu unterrichten. Neben der klassischen Literatur und alten chinesischen Militärschriften interessierte er sich auch für moderne medizinische Erkenntnisse und Körperanatomie (vgl. Ma Hong, o.J.). Man kann ihn insofern als den Vermittler zwischen Tradition und Moderne bezeichnen. Das Formtraining Für Chen Zhaokui war die Zusammengehörigkeit von Form- und Anwendungstraining im Taijiquan von entscheidender Bedeutung: „Die Form ist die Basis für die Schiebenden Hände, die Schiebenden Hände sind der Test für die Form, ob sie denn korrekt ausgeführt wird. Das Schieben ist daher der Übergang vom Formtraining zum Training des wirklichen Kampfes. Wenn man nur die Schiebenden Hände, nicht aber die Form trainiert, kann man zwar trotzdem lernen, wie man einen Angriff mit Techniken kontert, aber es ist unmöglich, die gesamten und korrekten Basisbewegungen zu begreifen. Es ist dann leicht, sich einige falsche Bewegungen anzugewöhnen, und es wird schwierig, große Fortschritte zu machen“ (zitiert nach Ma Hong, 1998, S. 355). Die Lehrmethode
Einer der heutigen Hauptvertreter des Chen-Stils, Zhu Tiancai, sagte über seinen Lehrer Chen Zhaokui: „Die von Chen Zhaokui überlieferte Boxform beinhaltete äußerst feine Bewegungen, sehr viele Handmethoden, plötzliches Fajin, und ganz klare Boxanwendungen; sie schulte also eine sehr umfassende Kunstfertigkeit" (Wuhun, 1990/5, hier zitiert nach Ma Hong, o.J.). Schüler fragte Chen Zhaokui stets: „Möchtest Du detailliert lernen oder möchtest Du schnell lernen?“ (Ma Hong, 1998, S. 361). Seine Frage sollte wohl klarstellen, wie fein bzw. grob er unterrichten würde. Üblicherweise aber war seine Methodik extrem genau. Wenn er z. B. in Zhengzhou (der Haupstadt der Provinz Henan, Anm. d. A.) von 7-10 Uhr abends unterrichtete, zeigte er in den drei Stunden nur eine einzige Boxstellung, diese aber in viele Einzelbewegungen heruntergebrochen. In der ersten Stunde des Trainings machte er die Bewegung nur vor und erklärte sie, und kein Schüler machte mit. Jeder sollte die Bewegung zunächst verstehen und einen Gesamteindruck von ihr erlangen und ggf. Notizen machen. In der zweiten Stunde wurde die Bewegung gemeinsam einstudiert und wiederholt. In der dritten Stunde wurde jeder einzelne Schüler dann detailliert individuell korrigiert. Jede Bewegung wurde wieder in Einzelbewegungen unterbrochen und alle Anforderungen, Positionen und Richtungen genauestens erörtert, z. B. hinsichtlich des Drehens von Brust und Taille, des Wechsels des Schwerpunktes, der Positionierung von Beinen, Knien und Oberkörper und die mit- und gegenläufigen Seidenspulmethoden, die Schrittfolge und die Handform. Auch Augenbewegung, wohin man hört, das Ein- und Ausatmen, und die innere Kraft jeder Bewegung wurden detailliert und genau ausgeführt. Chen Zhaokui galt beim Training als sehr streng zu seinen Schülern und vor allem zu seinem Sohn Chen Yu, aber er war es auch mit sich selbst. Selbst im Winter schwitzten alle heftig - ihn eingeschlossen. In Peking sagte er einmal zu seinem damaligen Schüler Ma Hong, man müsse sowohl leicht als auch gesunken sein, leer und voll, öffnen und schließen, schnell und langsam wechselten sich ab und zusammen mit der Spiralkraft müssten alle in Beziehung zueinander stehen. Er demonstrierte dieses und sagte: „Öffnen, aber nicht, als ob man etwas auseinanderreißt, sondern ein spiraliges Öffnen, wie bei ‚mit der Hand verdecken und mächtig schlagen‘ (das Formbild Yan shou gong chui) die erste Bewegung; schnell, aber nicht alles einfach schnell ohne Pause, sondern ein spiralige Schnelligkeit, wie bei ‚Trommelfeuer‘ (das Formbild Lian zhu pao) die Faust; gesunken, aber ebenso ein spiraliges Sinken, wie bei ‚träge den Mantel befestigen‘ (das Formbild Lan zha yi) die letzte Bewegung...“ (Ma Hong, o. J.). Das Formbild ‚Buddhas Wächter schlägt mit dem Stößel‘ unterteilte er wohl in 25 unterschiedliche Kraftarten (Jin). Zu „die Mähne des Wildpferdes teilen“ (Ye ma fen zong) sagte er: „Zunächst bohrt die linke Hand nach unten, dann nimmt sie nach oben auf, dann drückt sie mit dem Handballen nach links außen; gleichzeitig öffnet man die rechte Brustseite und führt einen Schulterstoß aus, streckt die rechte Hand nach unten aus und drückt mit dem Handballen nach unten rechts; dies ist ein linker Bogenschritt, dabei muss der linke Fuß Haltekraft ausüben, der rechte Fuß lenkt die Kraft, Dantian muss stets Angelpunkt sein; der rechte Fuß dreht die Kraft zusammen mit der linken Hand, die mit Kraft bohrt, hebt und mit dem Handballen drückt , so dass alle Teile wie bei einer Kette miteinander verbunden sind, einer Kette von wechselnder Kraft. Nach und nach entsteht dadurch die innere Kraft und alles ist harmonisch verbunden“ (nach Ma Hong, o.J.)1. Aus dieser sorgfältigen, zusammenhängenden Trainingsweise heraus entstehen Fertigkeiten wie "die Intention ist ununterbrochen", "der Körper (bezogen auf den Körpereinsatz) ist ununterbrochen", "die Kraft (Jin) ist ununterbrochen", "der Ausdruck des Geistes in den Augen (Shen) ist ununterbrochen", "die Peng-Kraft ist ununterbrochen", "die schließende Kraft ist ununterbrochen" und "die öffenende Kraft ist ununterbrochen" (vgl. Chen Zhaokui, 2005). Nach Erinnerungen seiner Schüler betonte Chen Zhaokui, dass die Taiji-Bewegungen stets „schnell, aber nicht chaotisch, langsam, aber nicht unterbrochen, gesunken, aber nicht steif, und leicht, aber nicht flatterig“ sein sollten (aus dem Chinesischen nach Zhang Qilin, 2008). Chen Zhaokui selber soll seine Formen stets sehr tief gelaufen sein, um die Beinkraft zu stärken (laut persönlichem Gespräch mit Feng Zhiqiang). Denn er betonte die Wichtigkeit der Körperbasis im Sinne von Bein- und Fußarbeit und seine Auffassung war, „wenn unten die Fußsohlen nicht korrekt sind, dann ist auch der Oberkörper nicht richtig“ (Ma Hong, o.J.). Nach dem Tod Chen Zhaopis 1972 wurde Chen Zhaokui nach Chenjiagou eingeladen, um dort die heranwachsende Generation zu unterrichten, und die Dorfbewohner nannten seinen Stil „Xinjia“, den „Neuen Rahmen“. Doch Chen Zhaokui mochte diese Bezeichnung gar nicht. Er sagte 1979 in Shijiazhuang (Hauptstadt der Provinz Hebei, Anm. d. A.): „Dieser Ausdruck ist falsch. Mein fünfter Bruder Chen Zhaopi hat zu seiner Zeit ebenfalls von meinem Vater [Chen Fake] Boxen gelernt. Das sind alles Boxformen, die bereits Chen Changxing unterrichtet hat“ (nach Ma Hong, o.J.). Denn für Chen Zhaokui war nicht der äußere Rahmen, sondern das Ausfüllen der Kampftechnik durch innere Arbeit entscheidendes Element: „Wenn man kein Gongfu hat, dann ist auch jegliche Technik leer, und wenn das Gongfu nicht herauskommt, dann bleibt auch jegliche Technik nutzlos. Das Wichtigste ist es, Gongfu zu entwickeln und es herauszubringen.“
Literatur: Chen Zhaokui (2005). Erläuterung zur seidenspulenden Kraft im Chen-Taijiquan. Erhältlich unter CTND.de. Ma Hong (o.J.). Yidai zongshi Chen Zhaokui de zhongda gongxian. Erhältlich: www.cctq.info/taiji05.htm. Ma Hong (1998). Chenshi taijiquan quanfa quanli. Peking: Beijing tiyu daxue chubanshe. Zhang Qilin (2008). Erinnerungen an das Boxtraining mit Meister Chen Zhaokui. Beijing, Erhältlich: cytjw.cn.
Fußnoten: 1 Im Chinesischen finden sich hier viele Techniken aus dem Taijiquan wieder, die in der deutschen Übersetzung und ohne Übungspraxis dieser Linie nicht so deutlich werden. Diese Techniken stellen stets sehr konkrete Kraftanwendungen und –verläufe dar.
Videomaterial Chen Zhaokui beim Pushhands:
Chen Zhaokui in jungen Jahren: |






Seine Methode hebt den kämpferischen Nutzen des Taijiquan und eine detaillierte und herausfordernde Übungsweise hervor. Neben Hand- und Waffenformen praktizierte Chen Zhaokui ausgiebig Tuishou (Schiebende Hände) und Sanshou (Freikampf). Doch er betonte stets: „Das Üben der Form ist die wichtigste Basisübung, denn jedwede Formposition ist eine Zusammenfassung effektiver Schlag- und Ringmethoden. Alle möglichen Kampfkünste beinhalten [zum Zeitpunkt ihrer Entstehung] zunächst einzelne Techniken, und fassen nach und nach mehr Bewegungen zusammen, die dann eben ‚Formen‘ oder ‚Boxrahmen‘ genannt werden. Dank des Trainings der Form kann man alle Bewegungen so erlernen, dass sie den Anforderungen des Kämpfens genügen.“ Er ergänzte: „Chen-Stil Taijiquan ist eine fortgeschrittene Kampfkunst, denn es besitzt tiefe und breite Inhalte. Es gibt keine Abkürzungen, und selbst wenn Du klug bist, benötigst Du eine lange Zeit, um es richtig zu verstehen. Um es richtig zu verstehen und das Gongfu vollkommen zu begreifen benötigt man mehrere Jahrzehnte. Man kann eine Form zwar normalerweise in einem halben Jahr erlernen, aber um sie korrekt auszuüben benötigt man wohl einige Jahre anstrengenden Übens. Daher muss man beim Formlernen jede Bewegung in jeder Stellung genau studieren, jede Hand- und Fußstellung, und auf die Basis korrekt achten. Wenn man anfängt zu lernen, geht es nicht ohne strikte Anforderungen, und wenn man es zu leicht nimmt, führt das [später] zu großen Schwierigkeiten. Wenn man beginnt und man sich an die Anforderungen strikt hält, und zudem an der Basis arbeitet, dann sieht [der Fortschritt] zunächst langsam aus, aber man wird es später leichter haben, tief einzusteigen und man wird dann schneller Fortschritte machen. Manche sind gierig auf schnellen Fortschritt und möchten innerhalb kurzer Zeit Taijiquan verstehen, aber das wäre ja nicht wirklich eine große Leistung. Wenn Menschen die Form nicht gut üben, sondern lediglich Tuishou (Schiebende Hände), und damit bloß Leute wegschubsen, dann ist das doch nur lächerlich“ (zitiert nach Ma Hong, 1998, S. 354).






