Sind alle Taijiquan-Formen gleich?
Sind alle Taijiquan-Formen gleich?
Ja und nein. Äußerlich ähneln sich viele Formen, besonders innerhalb eines Stils. In der zugrunde liegenden Methodik – etwa Gewichtsverlagerung, Körperstruktur und Kraftentwicklung – unterscheiden sie sich jedoch oft deutlich. Entscheidend ist daher nicht nur die äußere Bewegung, sondern die innere Arbeitsweise.
Sind Venus und Erde gleich? Ja, denn sie sind beide Planeten. Und auch nein, denn sie sind sehr unterschiedlich. So ähnlich verhält es sich auch mit den Kampfkünsten – und den chinesischen Kampfkünsten im Besonderen. Sind die Kampfkünste alle gleich? Ja, sie nutzen alle den menschlichen Körper, und es gibt bestimmte Kategorien wie Schläge, Tritte, Hebel und Würfe, die immer wieder auftauchen. Und nein, denn es sind nicht immer dieselben Techniken, Distanzen, Trainingsmethoden und so weiter. Judo und BJJ sind nicht gleich, Taekwondo und Escrima auch nicht – und so weiter.
Ähnlich verhält es sich auch bei den chinesischen Kampfkünsten. Shaolin Kungfu spricht ebenfalls von Yin und Yang, es hat Formen, Kampftechniken und eine bestimmte Geisteshaltung, die sich hinter dem System verbirgt. All das kann man auch über Chen-Stil Taijiquan sagen. Also gleich? Ja – und auch nein.
Wir sehen: Es kommt immer darauf an, auf welcher Ebene man schaut. Viele sprechen von Prinzipien, die doch gleich seien – und häufig sind sie das auch, über Lehrer, Stile und teils sogar Länder hinweg. Das stimmt. Wenn man so denkt, ist man Generalist. Wenn man jedoch Experte in einem Stil werden möchte, muss man auch die Unterschiede sehen. Dann wird man zum Spezialisten.
Als ich anfing, bei Chen Yu Taijiquan zu lernen, dachte ich: Chen-Stil Taijiquan ist doch immer gleich. Doch nach und nach lernte ich die spezifischen Methoden: Wie verlagere ich den Schwerpunkt? Was macht das Zentrum, was der Blick, die Atmung? Welche jin-Kräfte baue ich auf? So kam es, dass ich meine alten Formen nicht mehr machen konnte – weil ich meine Bewegungen mit einer anderen Methodik gefüllt hatte. Hätte man mich damals gefragt, hätte ich gesagt: Nein, die Formen sind überhaupt nicht gleich. Und auf dieser Ebene – der Methodik – sind sie das meist auch nicht.
Wenn man auf die äußeren Bewegungen schaut, sind die Formen des Chen-Stils deutlich verwandt (auch mit dem Yang-Stil). Die des sogenannten großen Rahmens mehr als die des sogenannten kleinen Rahmens. Auf der Ebene der inneren Methodik aber muss das nicht so sein. Dort geht es darum, wo das Gewicht ist, was die einzelnen Segmente machen – Knie, Fuß, Hüfte und so weiter. Wenn ich sehe, dass in einer Linie drei Schüler desselben Lehrers alle einen unterschiedlichen Gewichtswechsel machen, dann weiß ich: Der Gewichtswechsel gehört nicht wirklich zur Methodik – weil ihn jeder so macht, wie er denkt. Wenn es hingegen alle in etwa gleich machen, weiß ich: Das ist ein stilbildendes Element und gehört zur Methodik.
Wenn ich also die Form sehe, die Chen Zhaokui an vielen Orten unterrichtet hat und die heute oft Xinjia („neuer Rahmen“) genannt wird, dann blicke ich nicht zuerst auf die äußere Form. Viele nennen unsere Formen so – doch dieser Begriff wurde der Familientradition von außen gegeben. Innerhalb der Familie, die diesen Rahmen entwickelt und weitergegeben hat, wird dieser Name so nicht verwendet. Es ist völlig in Ordnung, ihn zu benutzen – genauso sollte es aber auch in Ordnung sein, ihn nicht zu verwenden, wenn man sich auf die Perspektive dieser Familie bezieht.
Entscheidend ist für mich nicht der Name, sondern die Methodik, die in der Form enthalten ist. In einem Kreis gibt es bei uns etwa acht Kräfte, die trainiert werden. Es sind spezifische Kräfte, die auf eine bestimmte Weise mit der gesamten Körpermethodik verbunden sind.
Wenn ich also auf den Kreis schaue, dann sind es dieselben Formen. Wenn ich auf die Kräfte im Kreis achte, dann sind sie meist grundverschieden. Viele, die keine Methoden gelernt haben, sondern vor allem die äußeren Bewegungen – und vielleicht noch allgemeine Trainingsqualitäten –, sehen das anders. Für sie ist alles gleich. Das stimmt ja auch. Aber für uns ist alles unterschiedlich. Und das stimmt ebenso.

























